Neue Wache: 4-8 mit dem Chief Mate.
Meine Horrorzeit, denn das erinnert an Aufstehzeiten zum Frühdienst
am Flughafen. Wenn der Wecker um halb 4 klingelt, will ich das Ding
am Liebsten über die Kante schmeißen. Zum Glück ist es
stockfinster und der Chief Mate auch kein Morgenmensch, also klammere
ich mich 2h an meine Kaffeetasse und warte auf bessere Zeiten. Um 6,
wenn es hell wird, fange ich an, die Brücke zu putzen – ja, das
macht eben sonst auch der 4-8 Wachgänger. Gegen 7 ein kurzer
Strategie-Schnack mit dem Kapitän, ich mache nämlich die
Wetternavigation und Routenplanung eigenverantwortlich. Dann schaffe
ich noch die Kühlcontainer, bevor meine Wache zu Ende ist. Mittags gehe ich
eine Stunde mit dem 2. die Sicherheitsrunde, hier wird alle
Sicherheitsausrüstung an Deck überprüft und Inventar, Tests ü.ä.
gemacht. Abends dann noch 3h Wache, und natürlich komme ich nie früh
genug in die Koje, um halb 4 wieder fit zu sein. Aber das kenne ich
ja…
Heute ist ein traumhafter Tag. Die See
ist spiegelglatt, es ist windstill und die Sonne knallt nach einigen
windigen und kühlen Tagen. 10° Temperatursturz in einer Nacht –
das ist eben Nordkurs im Herbst. Hier sollte ich anmerken, dass es
bis jetzt in Mexico am heißesten war – auf 19° Breite statt wie
erwartet am Äquator. In Kolumbien und Ecuador war es wesentlich
kühler, um 30°C statt 40°C wie in Manzanillo. Verbringe gerade
meine Mittagspause, in die ich sonst einige Stunden Schlaf
reinquetsche, an Deck in der Sonne, wer weiß, wie lange sie uns noch
erhalten bleibt. Im Norden warten einige fette Stürme auf uns, ich
mache alle paar Stunden ein Wetterupdate, um mir nichts entgehen zu
lassen. Die offizielle Routenplanung will uns über 50° Nord
schicken – lesen die überhaupt Wetterkarten? Ich brauch keine 45kn
Wind und 9m Welle! Selbst mit unseren geplanten 44° (Scheitelpunkt
vom Großkreis) kommen wir in den Einzugsbereich der Stürme, wir
werden wohl so auf 40° den Breitenkreis längsfahren. Das
entscheidet sich morgen, übermorgen Mittag werden wir auf 40°
angekommen sein. Im Herbst und Winter kracht es ordentlich da oben,
diese Routen sind eigentlich nur im Sommer machbar. Im Winter fährt
man z.B. auf 35° Breite längs, auch wenn die Strecke wesentlich
länger ist. Man kann damit jedoch den Nordäquatorstrom nutzen, der von Ost nach West läuft
und fährt lediglich 1-2 Tage länger. Möglich ist auch Großkreis
nach Hawaii und von da Großkreis nach Japan, das ist natürlich
sonnentechnisch mein Favorit, aber eben auch ziemlich weit. Die
Großkreise, Strömungen und vorherrschende Windrichtungen hole ich
mir aus den Seehandbüchern, bin schon ein kleiner Experte für die
Westroute Mittelamerika-Japan. Hier auf der Höhe von Kalifornien
begegnen wir vielen anderen Schiffen, da hier sozusagen die
„Einflugschneise“ für die westgehenden Großkreise ist. Alles,
was von Süd-und Mittelamerika kommt und nach Asien will, fährt hier
längs. Und natürlich die Gegenrichtung. Erst in einigen Tagen wird
es ruhiger, wenn wir weiter draußen sind. Solltet ihr dann länger
nichts von mir hören, nicht wundern, wir haben schon wieder Probleme
mit dem Satelliten, seit wir auf von Westatlantik (für Südamerika)
auf Pazifik umgeschaltet haben.
Also dann viele Grüße von eurer
Wetterfee! (Im nächsten Leben werde ich Meteorologe, das macht Spaß!
Der 50. Breitengrad ist spannender als jeder Film.)
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