Donnerstag, 20. Oktober 2011

Die Ruhe vor dem Sturm

Neue Wache: 4-8 mit dem Chief Mate. Meine Horrorzeit, denn das erinnert an Aufstehzeiten zum Frühdienst am Flughafen. Wenn der Wecker um halb 4 klingelt, will ich das Ding am Liebsten über die Kante schmeißen. Zum Glück ist es stockfinster und der Chief Mate auch kein Morgenmensch, also klammere ich mich 2h an meine Kaffeetasse und warte auf bessere Zeiten. Um 6, wenn es hell wird, fange ich an, die Brücke zu putzen – ja, das macht eben sonst auch der 4-8 Wachgänger. Gegen 7 ein kurzer Strategie-Schnack mit dem Kapitän, ich mache nämlich die Wetternavigation und Routenplanung eigenverantwortlich. Dann schaffe ich noch die Kühlcontainer, bevor meine Wache zu Ende ist. Mittags gehe ich eine Stunde mit dem 2. die Sicherheitsrunde, hier wird alle Sicherheitsausrüstung an Deck überprüft und Inventar, Tests ü.ä. gemacht. Abends dann noch 3h Wache, und natürlich komme ich nie früh genug in die Koje, um halb 4 wieder fit zu sein. Aber das kenne ich ja…
Heute ist ein traumhafter Tag. Die See ist spiegelglatt, es ist windstill und die Sonne knallt nach einigen windigen und kühlen Tagen. 10° Temperatursturz in einer Nacht – das ist eben Nordkurs im Herbst. Hier sollte ich anmerken, dass es bis jetzt in Mexico am heißesten war – auf 19° Breite statt wie erwartet am Äquator. In Kolumbien und Ecuador war es wesentlich kühler, um 30°C statt 40°C wie in Manzanillo. Verbringe gerade meine Mittagspause, in die ich sonst einige Stunden Schlaf reinquetsche, an Deck in der Sonne, wer weiß, wie lange sie uns noch erhalten bleibt. Im Norden warten einige fette Stürme auf uns, ich mache alle paar Stunden ein Wetterupdate, um mir nichts entgehen zu lassen. Die offizielle Routenplanung will uns über 50° Nord schicken – lesen die überhaupt Wetterkarten? Ich brauch keine 45kn Wind und 9m Welle! Selbst mit unseren geplanten 44° (Scheitelpunkt vom Großkreis) kommen wir in den Einzugsbereich der Stürme, wir werden wohl so auf 40° den Breitenkreis längsfahren. Das entscheidet sich morgen, übermorgen Mittag werden wir auf 40° angekommen sein. Im Herbst und Winter kracht es ordentlich da oben, diese Routen sind eigentlich nur im Sommer machbar. Im Winter fährt man z.B. auf 35° Breite längs, auch wenn die Strecke wesentlich länger ist. Man kann damit jedoch den Nordäquatorstrom nutzen, der von Ost nach West läuft und fährt lediglich 1-2 Tage länger. Möglich ist auch Großkreis nach Hawaii und von da Großkreis nach Japan, das ist natürlich sonnentechnisch mein Favorit, aber eben auch ziemlich weit. Die Großkreise, Strömungen und vorherrschende Windrichtungen hole ich mir aus den Seehandbüchern, bin schon ein kleiner Experte für die Westroute Mittelamerika-Japan. Hier auf der Höhe von Kalifornien begegnen wir vielen anderen Schiffen, da hier sozusagen die „Einflugschneise“ für die westgehenden Großkreise ist. Alles, was von Süd-und Mittelamerika kommt und nach Asien will, fährt hier längs. Und natürlich die Gegenrichtung. Erst in einigen Tagen wird es ruhiger, wenn wir weiter draußen sind. Solltet ihr dann länger nichts von mir hören, nicht wundern, wir haben schon wieder Probleme mit dem Satelliten, seit wir auf von Westatlantik (für Südamerika) auf Pazifik umgeschaltet haben.
Also dann viele Grüße von eurer Wetterfee! (Im nächsten Leben werde ich Meteorologe, das macht Spaß! Der 50. Breitengrad ist spannender als jeder Film.)

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