Mittwoch, 12. Oktober 2011

Licht und Sonne

Ja, ich bin immer noch in der Maschine. Eigentlich wollte ich nur 1 Woche
und die 2. erst im 2. Praxissemester, wenn ich wenigstens ein bisschen
theoretischen Unterbau habe, aber Schiffsmechaniker Frank hat mir
netterweise angeboten, bei ihm mitzulaufen. Sonst hat keiner da unten Bock
auf mich, die haben ja ihren eigenen Kadetten, und zwei von der Sorte
übersteigt wahrscheinlich die Geduld und die Erklärlust der Maschinisten.
Also ab an Deck, wo die Befestigung der Unterkunfts-Leitern aufgebockt
werden muss. Mit diesen Strickleitern kann man im Notfall außenbords in die
Rettungsinseln einsteigen. Die Strickleitern ruhen auf einem Metallpodest,
damit sie nicht an Deck liegen, sind aber trotzdem nass geworden und
durchgemodert, also soll das Podest höher. Frank flext die Rohre der
Backbordseite ab, ich schleife alles schön flach (also so eine Flex hat
ganz schön Wumm!) und wir nehmen die Rohre mit in die Werkstatt, wo ich
meine ersten Gehversuche im Lichtbogenschweißen unternehme. Die dicken,
geschmolzenen Knubbel sollen irgendwann eine ordentliche Naht ergeben, aber
ich stelle mich echt blöd an. Oft klebe ich fest, und ich verblitze mir
mehr als einmal die Augen, weil so ein Lichtbogen ja spannend ist. Wir
schweißen kleine Rohrstücke als Verlängerung dran, dann das Ganze auf
Stahlplättchen, die dann an Deck festgeschweißt werden. Erst als ich die
Decksnähte schweiße, kommt so langsam was Ordentliches zustande. Ich
brauche eben den Druck! O-Ton Frank: „Wenn du das vermasselst, müssen wir
wieder alles abflexen und neu schweißen.“ Aber ich hab’s nicht vermasselt!
Hab ein paar Nähte mehr gebraucht, aber im Großen und Ganzen passt es.

Am nächsten Tag ist die Steuerbord-Leiter dran. Ich hab die Werkstatt für
mich alleine und flexe die Rohre schön gerade. Beim Anschweißen versage ich
mal wieder grandios, die Naht läuft die Rohre herunter, aber das sei
normal, ich muss das Zeug flach auf den Tisch legen, dann würde es klappen.
Also nächster Versuch, und plötzlich kann ich es! Wie durch ein Wunder
schweiße ich schöne flache Nähte, auch die Befestigung an Deck sieht
richtig gut aus. Gleich noch Fotos gemacht, wann werde ich schon mal wieder
die Gelegenheit haben, etwas zu schweißen?
Irgendwie ist es wie beim Rudergehen: Bei allem, was Gefühl erfordert,
brauch ich Ewigkeiten, um es zu lernen, aber dann geht es plötzlich richtig
gut!

Auf zum nächsten Projekt: Die Halterungen der Schornsteine sind abgerissen,
die Schornsteine quietschen munter vor sich hin. Wir basteln neue
Halterungen, ich schweiße und bohre wie ein Weltmeister, und meistens hält
die erste Naht! Bis auf kleine Stellen, die ich ausbessern muss, passt
alles beim ersten Mal. Dieses  ganze Arbeiten an Deck ist ein Traum, ich
kriege endlich Sonne und Frischluft! Im Maschinenraum sind es mittlerweile
38°C, da ist es draußen mit einer leichten Brise weitaus angenehmer. Leider
geht meine Sonnenbegeisterung zu weit, ich vergesse, dass ich schon seit
Längerem nicht mehr in der Sonne war. Ein Sonnenbrand ist die Folge. Von
allem, was ich mir für meine Maschinenzeit vorgestellt habe – ein
Sonnenbrand hat definitiv nicht dazugehört!

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