Dienstag, 1. November 2011

Crewwechsel

In Pusan steht ein großer Crewwechsel an: 5 Leute gehen, 6 kommen. Wir sind mit Ausnahmegenehmigung von Manzanillo bis Pusan ohne Bootsmann gefahren, jetzt bekommen wir einen neuen, und zwar den, der vor Malte hier war. An meinem Tisch in der Messe bin ich die Einzige, die noch übrig ist. Der Bootsmann war ja schon weg, jetzt haben Frank und der Elektriker abgemustert und der 3. Ing. ist zum 2. Ing. befördert. Der neue Bootsmann und Schiffsmechaniker sind aus Litauen, der Elektriker Filipino (sitzt in der Crewmesse) und der neue 3 Ing. ein junger Deutscher. Ich hatte ja schon angedeutet, das hier in der Branche auch so einiges im Argen ist, und wenn ich höre, wie der 3. von der Reederei behandelt wird, bestätigt das nur wieder die Tatsache, dass gut ausgebildete Deutsche hier fehl am Platz sind. Ich habe dem Kapitän bei der Musterung und der Heuerabrechnung geholfen, und wenn man sieht, was die Ausländer verdienen, ist klar, dass die bevorzugt werden. Dann ist es auch egal, dass deren Ausbildung für die Katz ist, da hab ich manchmal mit meinen Sportbootführerscheinen mehr Seemannschaft drauf als die. Irgendwie frustrierend zu wissen, dass man, WEIL man gut ausgebildet ist, nur Nachteile hat. Aber ich hab ja mein Auge schon auf zahlreiche Alternativen, sei es Küstenschifffahrt oder Schlepper. An Land reißen sich die Leute um einen mit dem Studium, aber dazu muss am Besten das Patent ausgefahren werden. Ist echt Mist, der Job macht mir irre viel Spaß, aber wenn man mit Leuten zusammenarbeitet, die keine Ahnung haben, hat man später als Kapitän keine ruhige Minute an Bord, man muss ja immer hinterher sein und alles doppelt checken.

Bin deshalb auch schon viel in die täglichen Abläufe eingespleißt. Gehe, seit wir an der Küste längsfahren, Tagesdienste mit dem Kapitän. Hole Mails ab und beantworte sie, mache Ankunfts- und Hafenpapiere fertig, schreibe Berichte an die Länder, durch deren Gewässer wir fahren und hab zum Monatswechsel bei Musterung und Heuerabrechnung geholfen. So viel Papierkram, das ist der Wahnsinn. Eigentlich der perfekte Praktikantenjob, mich wundert immer wieder, dass sich ein Kapitän mit so einem Kram befassen muss, dazu muss man echt nicht studiert haben. Es gibt Überlegungen, einen Administrator einzustellen, man bastelt wohl gerade am Berufsbild. Im Moment machen Kapitän und Offiziere deswegen massig Überstunden, man rennt ja dem Schriftkram nur hinterher.

Habe die große Ehre, bei der Ansteuerung von Pusan die Wache mit dem Kapitän zu gehen, den 2. lassen wir schlafen. Der Lotse ist für 2 Uhr bestellt, ab 22:30 sind wir auf der Brücke. Ich konnte vor Aufregung nicht vorher schlafen und halte mich an meiner Kaffeetasse fest, während ich angestrengt das Radar beobachte. Hier sind massig Fischer unterwegs, die Tuna fischen und den Fisch mit hellen Lichtern anlocken. Es ist fast taghell draußen in diesem Lichtermeer aus Scheinwerfern. Ich eiere per Radar zwischen den ganzen Fischerbooten durch. Manche nehmen plötzlich Fahrt auf und kreuzen, mache kommen aus der Landabdeckung einer Insel hervor. Ausweichen ist schwierig, man hat Inseln und viele andere Boote im Weg. Ich kann schwer abschätzen, wie dicht ich an den anderen Booten vorbei kann, aber das lerne ich schon noch.

Der Kapitän sitzt neben mir und sagt mir, wenn er was anders machen würde. Ein Fischer kennt anscheinend die Ausweichregeln nicht und fährt uns immer vor den Bug, dann gibt’s gleich Ärger von der Verkehrszentrale (VTS), die das ganze Geschehen beobachten. Nebenher bediene ich das Funkgerät und melde mich an bestimmten Punkten oder wenn wir eine bestimmte Linie kreuzen bei VTS und beim Lotsen, der sich auf 3 Uhr und dann auf 4 Uhr verspätet. Da hätten wir echt noch gut schlafen können, Mist.

Ich gehe den Lotsen abholen und bringe ihn auf die Brücke, dann übernehme ich das Ruder und fahre uns nach Pusan rein. Dann kommen die Agenten an Bord, ich mache die Einklarierung mit. Frühstück, ich bin mittlerweile hundemüde und freue mich auf die Koje. Muss aber noch meinen Kammernachbarn Frank verabschieden, soviel Zeit muss sein. Inzwischen kommen die ersten der neuen Crew, ich kann kaum noch aus den Augen gucken. Ich krieche in die Koje und schlafe selbst bei dem „Umzugslärm“ auf dem Gang sofort ein. Nach 2h klingelt das Telefon, wir laufen aus. Die Beladung ist nicht mit den südamerikanischen Häfen zu vergleichen, wo gemütlichere Abläufe uns eine recht lange Liegezeit beschert hatten, hier geht alles ratzfatz. Wir sammeln noch die Papiere der neuen Crew ein, dann schnell die Brücke klarmachen und plötzlich ist der Lotse schon an Bord. Ich genieße das Raussteuern, Pusan ist echt schön mit den Hügeln, die im Dunst verschwimmen und den vielen Inseln. Ein Rudergänger löst mich ab, ich steuere zwischen den ganzen Ankerliegern durch (da wird es manchmal ganz schön eng!) und dann ab in die Koje. Ist schon komisch, ich hatte so viel zu tun, wir sind wieder weg, noch bevor mein Kopf richtig angekommen ist. Ich denke lange darüber nach, wie ich hier vor 2 Monaten an Bord gekommen bin. Was habe ich alles erlebt in der Zeit! So viel gelernt, in ein ganz neues Leben eingetaucht, unter einer Crewintrige zu leiden gehabt (da kann eine Woche ganz schön lang werden) und von heute auf morgen kein nennenswertes Sozialleben mehr gehabt. Die Leute sind eben echt komisch, da ist jeder für sich. Wir haben einen so schönen Aufenthaltsraum mit Bar, aber alle hocken zum Feierabend allein auf Kammer, wie langweilig. Ich bin hin und wieder beim Kapitän auf Kammer, wo wir einen Wein trinken und reden oder Filme gucken, das ist echt nett.

Mittlerweile ist es mir auch egal, ob die anderen darüber tratschen, dass ich bevorzugt werde oder so. Ich genieße es einfach, Anerkennung dafür zu kriegen, dass ich mich so reinhänge. Wenn ich als Neuling schon grobe Fehler bei den Offizieren sehe, die einfach daher kommen, dass die Leute nicht mitdenken und kein Interesse an einem seemännisch geführten Schiff haben, sondern sich nur durchwursteln und am Ende die Kohle einstecken, ist das schon frustrierend. Aber ich stecke meine Ziele weiterhin hoch. Ich orientiere ich lieber an Leuten wie dem Kapitän und nehme mir ihn als Vorbild. Der Job an sich ist genial, ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen. Mal sehen, wie sich die soziale und wirtschaftliche Situation der Branche weiter entwickelt. Bis ich in 4 Jahren fertig bin, fließt noch viel Wasser die Elbe hinunter. Will mir zur Zeit noch nicht so einen Kopf über die Zukunft machen, halte nur Augen und Ohren schonmal offen.

Jetzt kommt aber erstmal so etwas wie ein Neuanfang: ein Großteil der Crew ist neu, ich übernehme mehr und mehr richtig verantwortungsvolle Aufgaben und lass mich (zumindest nach außen) nicht mehr einschüchtern, weiß jetzt, wie ich mit der Crew umzugehen hab und wachse an den Herausforderungen. Ich glaube nicht, dass andere Praktikanten in ihrem ersten Semester schon so viel machen dürfen, die meisten werden nunmal als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Und es ist was Anderes, ob ich den Wachsoffizier in die Koje schicken und ihm eine Pause gönne, weil ich – der Kadett! – die Wache übernehme, oder ob ich wie meine Kollegin Lena den ganzen Tag an Deck ackern muss. Rostklopfen und Gangwaywache helfen mir ja nun nicht gerade bei der Vorbereitung auf meine Offizierslaufbahn. Und da der Kapitän bis Manzanillo bleibt, wird mein gutes Leben hier erstmal weitergehen. Ich werde richtig gut auf meinen Offiziersjob vorbereitet sein. Ich hatte eine Woche mal einen Durchhänger, aber jetzt geht’s mit frischem Mut voran. Wenn das nur eine Woche aus neun ist, kann ich damit leben. Das erste Drittel ist geschafft, und die nächste Woche wird viel Spannendes bringen. Viele Häfen in kurzer Zeit, mal sehen, ob ich zum Schlafen kommen werde!


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