In Pusan steht ein großer Crewwechsel
an: 5 Leute gehen, 6 kommen. Wir sind mit Ausnahmegenehmigung von
Manzanillo bis Pusan ohne Bootsmann gefahren, jetzt bekommen wir
einen neuen, und zwar den, der vor Malte hier war. An meinem Tisch in
der Messe bin ich die Einzige, die noch übrig ist. Der Bootsmann war
ja schon weg, jetzt haben Frank und der Elektriker abgemustert und
der 3. Ing. ist zum 2. Ing. befördert. Der neue Bootsmann und
Schiffsmechaniker sind aus Litauen, der Elektriker Filipino (sitzt in
der Crewmesse) und der neue 3 Ing. ein junger Deutscher. Ich hatte ja
schon angedeutet, das hier in der Branche auch so einiges im Argen
ist, und wenn ich höre, wie der 3. von der Reederei behandelt wird,
bestätigt das nur wieder die Tatsache, dass gut ausgebildete
Deutsche hier fehl am Platz sind. Ich habe dem Kapitän bei der
Musterung und der Heuerabrechnung geholfen, und wenn man sieht, was
die Ausländer verdienen, ist klar, dass die bevorzugt werden. Dann
ist es auch egal, dass deren Ausbildung für die Katz ist, da hab ich
manchmal mit meinen Sportbootführerscheinen mehr Seemannschaft drauf
als die. Irgendwie frustrierend zu wissen, dass man, WEIL
man gut ausgebildet ist, nur Nachteile hat. Aber ich hab ja mein Auge
schon auf zahlreiche Alternativen, sei es Küstenschifffahrt oder
Schlepper. An Land reißen sich die Leute um einen mit dem Studium,
aber dazu muss am Besten das Patent ausgefahren werden. Ist echt
Mist, der Job macht mir irre viel Spaß, aber wenn man mit Leuten
zusammenarbeitet, die keine Ahnung haben, hat man später als Kapitän
keine ruhige Minute an Bord, man muss ja immer hinterher sein und
alles doppelt checken.
Bin deshalb auch schon viel in die
täglichen Abläufe eingespleißt. Gehe, seit wir an der Küste
längsfahren, Tagesdienste mit dem Kapitän. Hole Mails ab und
beantworte sie, mache Ankunfts- und Hafenpapiere fertig, schreibe
Berichte an die Länder, durch deren Gewässer wir fahren und hab zum
Monatswechsel bei Musterung und Heuerabrechnung geholfen. So viel
Papierkram, das ist der Wahnsinn. Eigentlich der perfekte
Praktikantenjob, mich wundert immer wieder, dass sich ein Kapitän
mit so einem Kram befassen muss, dazu muss man echt nicht studiert
haben. Es gibt Überlegungen, einen Administrator einzustellen, man
bastelt wohl gerade am Berufsbild. Im Moment machen Kapitän und
Offiziere deswegen massig Überstunden, man rennt ja dem Schriftkram
nur hinterher.
Habe die große Ehre, bei der
Ansteuerung von Pusan die Wache mit dem Kapitän zu gehen, den 2.
lassen wir schlafen. Der Lotse ist für 2 Uhr bestellt, ab 22:30 sind
wir auf der Brücke. Ich konnte vor Aufregung nicht vorher schlafen
und halte mich an meiner Kaffeetasse fest, während ich angestrengt
das Radar beobachte. Hier sind massig Fischer unterwegs, die Tuna
fischen und den Fisch mit hellen Lichtern anlocken. Es ist fast
taghell draußen in diesem Lichtermeer aus Scheinwerfern. Ich eiere
per Radar zwischen den ganzen Fischerbooten durch. Manche nehmen
plötzlich Fahrt auf und kreuzen, mache kommen aus der Landabdeckung
einer Insel hervor. Ausweichen ist schwierig, man hat Inseln und
viele andere Boote im Weg. Ich kann schwer abschätzen, wie dicht ich
an den anderen Booten vorbei kann, aber das lerne ich schon noch.
Der Kapitän sitzt neben mir und sagt
mir, wenn er was anders machen würde. Ein Fischer kennt anscheinend
die Ausweichregeln nicht und fährt uns immer vor den Bug, dann
gibt’s gleich Ärger von der Verkehrszentrale (VTS), die das ganze
Geschehen beobachten. Nebenher bediene ich das Funkgerät und melde
mich an bestimmten Punkten oder wenn wir eine bestimmte Linie kreuzen
bei VTS und beim Lotsen, der sich auf 3 Uhr und dann auf 4 Uhr
verspätet. Da hätten wir echt noch gut schlafen können, Mist.
Ich gehe den Lotsen abholen und bringe
ihn auf die Brücke, dann übernehme ich das Ruder und fahre uns nach
Pusan rein. Dann kommen die Agenten an Bord, ich mache die
Einklarierung mit. Frühstück, ich bin mittlerweile hundemüde und
freue mich auf die Koje. Muss aber noch meinen Kammernachbarn Frank
verabschieden, soviel Zeit muss sein. Inzwischen kommen die ersten
der neuen Crew, ich kann kaum noch aus den Augen gucken. Ich krieche
in die Koje und schlafe selbst bei dem „Umzugslärm“ auf dem Gang
sofort ein. Nach 2h klingelt das Telefon, wir laufen aus. Die
Beladung ist nicht mit den südamerikanischen Häfen zu vergleichen,
wo gemütlichere Abläufe uns eine recht lange Liegezeit beschert
hatten, hier geht alles ratzfatz. Wir sammeln noch die Papiere der
neuen Crew ein, dann schnell die Brücke klarmachen und plötzlich
ist der Lotse schon an Bord. Ich genieße das Raussteuern, Pusan ist
echt schön mit den Hügeln, die im Dunst verschwimmen und den vielen
Inseln. Ein Rudergänger löst mich ab, ich steuere zwischen den
ganzen Ankerliegern durch (da wird es manchmal ganz schön eng!) und
dann ab in die Koje. Ist schon komisch, ich hatte so viel zu tun, wir sind wieder
weg, noch bevor mein Kopf richtig angekommen ist. Ich denke lange
darüber nach, wie ich hier vor 2 Monaten an Bord gekommen bin. Was
habe ich alles erlebt in der Zeit! So viel gelernt, in ein ganz neues
Leben eingetaucht, unter einer Crewintrige zu leiden gehabt (da kann
eine Woche ganz schön lang werden) und von heute auf morgen kein
nennenswertes Sozialleben mehr gehabt. Die Leute sind eben echt
komisch, da ist jeder für sich. Wir haben einen so schönen
Aufenthaltsraum mit Bar, aber alle hocken zum Feierabend allein auf
Kammer, wie langweilig. Ich bin hin und wieder beim Kapitän auf
Kammer, wo wir einen Wein trinken und reden oder Filme gucken, das
ist echt nett.
Mittlerweile ist es mir auch egal, ob
die anderen darüber tratschen, dass ich bevorzugt werde oder so. Ich
genieße es einfach, Anerkennung dafür zu kriegen, dass ich mich so
reinhänge. Wenn ich als Neuling schon grobe Fehler bei den
Offizieren sehe, die einfach daher kommen, dass die Leute nicht
mitdenken und kein Interesse an einem seemännisch geführten Schiff
haben, sondern sich nur durchwursteln und am Ende die Kohle
einstecken, ist das schon frustrierend. Aber ich stecke meine Ziele
weiterhin hoch. Ich orientiere ich lieber an Leuten wie dem Kapitän
und nehme mir ihn als Vorbild. Der Job an sich ist genial, ich könnte
mir nichts Schöneres vorstellen. Mal sehen, wie sich die soziale und
wirtschaftliche Situation der Branche weiter entwickelt. Bis ich in 4
Jahren fertig bin, fließt noch viel Wasser die Elbe hinunter. Will
mir zur Zeit noch nicht so einen Kopf über die Zukunft machen, halte
nur Augen und Ohren schonmal offen.
Jetzt kommt aber erstmal so etwas wie
ein Neuanfang: ein Großteil der Crew ist neu, ich übernehme mehr
und mehr richtig verantwortungsvolle Aufgaben und lass mich
(zumindest nach außen) nicht mehr einschüchtern, weiß jetzt, wie
ich mit der Crew umzugehen hab und wachse an den Herausforderungen.
Ich glaube nicht, dass andere Praktikanten in ihrem ersten Semester
schon so viel machen dürfen, die meisten werden nunmal als billige
Arbeitskräfte eingesetzt. Und es ist was Anderes, ob ich den Wachsoffizier in
die Koje schicken und ihm eine Pause gönne, weil ich – der Kadett!
– die Wache übernehme, oder ob ich wie meine Kollegin Lena den
ganzen Tag an Deck ackern muss. Rostklopfen und Gangwaywache helfen
mir ja nun nicht gerade bei der Vorbereitung auf meine
Offizierslaufbahn. Und da der Kapitän bis Manzanillo bleibt, wird
mein gutes Leben hier erstmal weitergehen. Ich werde richtig gut auf
meinen Offiziersjob vorbereitet sein. Ich hatte eine Woche mal einen
Durchhänger, aber jetzt geht’s mit frischem Mut voran. Wenn das
nur eine Woche aus neun ist, kann ich damit leben. Das erste Drittel
ist geschafft, und die nächste Woche wird viel Spannendes bringen. Viele Häfen in
kurzer Zeit, mal sehen, ob ich zum Schlafen kommen werde!
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