Sonntag, 2. Oktober 2011

Drama, Drama

Also die Abfahrtszeiten, ähem. Sollten gestern Mittag auslaufen. Das verschob sich auf Abend – ich nochmal los zum Inka-Shop im Hafen, hab 2 Peru-Shirts ergattert. An der Gangway das gewohnte Spiel: Ein Blick auf die neue Abfahrtszeit und die Leute sind wieder weg. Immerhin versacken die dank dieser Verzögerungstaktik nicht gleich für mehrere Tage am Stück, es ist doch beruhigend zu wissen, dass sie zwischendurch wieder zum Schiff zurückfinden. Neue Zeit: heute um 6. Ich soll heut meine erste Zeit im Maschinenraum fahren, bin entsprechend nervös und lese schon lauter Bücher über Maschinenkunde, um mich nicht komplett zum Ei zu machen. Netterweise bietet man an, mich zu wecken. Ich kann also wahrscheinlich bis zum Frühstück schlafen, vor 8 wird ja wohl nichts passieren („Giovanni schon lange auf Baustelle, Giovanni wisse Bescheid“). Beim Frühstück erfahre ich, dass es um 12 losgehen soll. Ab in den Inka-Shop zum Telefonieren und alte Bekannte treffen, die halbe Crew ist dort.
Kurz vor 12 – ich bin grad in den Overall und schon halb aus der Tür Richtung Maschinenraum – der Anruf. Nichts ist so beständig wie die Veränderung. Ich soll nicht in die Maschine, sondern auf die Brücke. Sofort. Oben tobt der Kapitän. Der 2. Offizier ist zu besoffen, um Wache zu gehen, ich soll übernehmen. Ich? Verantwortlich? Hilfe! Kann ich nicht doch in die Maschine? Schnell die Brücke vorbereiten, zum Glück hilft der Käptn. Alle Instrumente testen, die Karten und Handbücher raussuchen, GPS und Radar einstellen. Ich warte auf den Anruf aus dem Maschinenraum, um die Maschine durchzublasen, da ruft einer an und sagt, wir können schon die Kontrolle vom Maschinenraum auf die Brücke umschalten. Ich weiß wieder nicht, was gemeint ist und reiche weiter an den Käptn, der ausflippt. Wenn wir oben übernehmen, bevor die Maschine durchgeblasen ist, kann man die kaputtfahren! Da war wohl noch einer nicht ganz nüchtern. Also in Zukunft nur Kommandos vom Chief Engineer entgegennehmen. Randnotiz für zukünftiges Kapitänsleben: Keine langen Landgänge erlauben.
Ich fahre den Dampfer raus, diesmal mit Joystick vom Tisch aus, da ich auch den Maschinentelegrafen und UKW bediene. Dann übergebe ich das Ruder an einen Matrosen und setze Kurse ab. Es macht Sauspaß, wie ein Lotse „port ten“ oder „one-six-six“ zu rufen und eine Rückmeldung vom Rudersklaven zu kriegen, während ich ganz wichtig wechselweise auf Radar, Seekarte und mit Glas in die Ferne schaue, Logbuch- und Karteneinträge mache und den Wachwechsel vorbereite. Man muss sich an bestimmten Punkten unterwegs bei der Verkehrszentrale melden, ich rufe also über UKW auch „Tramar, Tramar“. Ich bekomme zum endlosen Erstaunen von Käptn und Chiefmate sofort eine Antwort. Beide sind nicht gewohnt, dass sich „Drama, Drama“ so schnell zurückmeldet. Tja, die holde Weiblichkeit - wenn ich von meiner Flughafenzeit nichts mitnehme außer einer guten Ansagenstimme, reicht mir das.
Der Kapitän macht mir ein Kompliment über meine erste, eigene Wache (mal ehrlich, er hat ja die ganze Zeit geholfen) und wenn ich Glück hab, arrangiert er nochwas mit seinen Kontakten für Fahrtzeit in den Ferien. Endlich bin ich mal auf der Sonnenseite von Vitamin B! Ich sage nur, St. Petersburg-Rotterdam im Sommer, hurra! Navigatorisch eine Riesenherausforderung, ich könnte so viel lernen! Und lange Liegezeiten mit Besuchsmöglichkeiten! Mit diesen sonnigen Aussichten geh ich in die Koje und verdränge meine Kellerzeit in der Maschine – aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

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