Freitag, 2. September 2011

Alltag

Gestern Abend ging’s endlich auf die Ozeanreise. In unserer Wache
ankerauf, ich hab dabei an Deck zugesehen. So ein Yachtanker mit
Mini-Fernbedienung wirkt dagegen richtig süß, wo hier die Kette so dick
ist wie der Filipino, der daneben steht. Dann noch bis Mitternacht Wache,
ich hab das Radar bedient und die AIS-Daten eingegeben, Positionen
eingezeichnet und dann war auch schon Feierabend. Habe leider nicht mehr
geschafft, mich per SMS zu melden, hatte direkt nach ankerauf schon keinen
Handyempfang mehr.
Ab heute zusätzlich zu den Reefern (Kühlcontainer) ein neuer Job: Bilgen
loten. In den tiefsten Orten im Schiff sammelt sich Wasser, und das muss
überwacht werden. Bei so gutem Wetter, das wir zur Zeit haben, sollte das
nur etwas Kondenswasser sein, es kommen ja keine Wellen über. Erstmal an
Deck unter den 100.000 Leitungen die finden, die in die Bilgen führen.
Maßband mit Wasserindikator einschmieren und ab damit. Im  Durchschnitt
sind die 7 Bilgen 17m unter Deck, d.h. nach jeder Lotung mindestens 17m
Band raufkurbeln.
Die Morgenwache war entspannt, hab die meiste Zeit mit dem Kapitän
geschnackt. Der fährt schon  seit so vielen Jahren zur See, der hat was zu
erzählen. Ich sauge alles auf wie ein Schwamm. Dann haufenweise
Papierkram: Es müssen alle möglichen Berichte geschrieben werden, heute
war Departure Report (von gestern) und der tägliche Mittagsreport dran.
Nebenbei lerne ich 5-Letter-Codes (hallo Ex-Kollegen^^) der Häfen
auswendig und prahle mit meiner Kenntnis der Beaufort- und Seegangsskala.
Den Taifun „Talas“, der mittlerweile südlich von Japan angekommen ist,
müssen wir gut im Auge behalten. Wir sind westlich davon und fahren nur
langsam gen Osten, damit er vor uns durchzieht. Außerdem muss die Maschine
mit den zwei neuen Turboladern erst noch eingefahren werden. Man merkt den
Wind kaum, da er von achtern kommt und wir ihm sozusagen davonfahren, aber
haben schon 7 Windstärken, heute Abend soll es bis 8 raufgehen. Mehr
verkraften wir auch nicht, ohne Container zu verlieren oder/und Probleme
mit der Stabilität zu haben, mit 6 Stockwerken Container über Deck haben
wir schließlich eine ordentliche „Segelfläche“.
Alles in allem kehrt schnell eine Art Alltag ein, das ist super angenehm
am Anfang. Hier ist so vieles neu, ich glaube, ich wäre sonst überfordert.
Wenn wir jetzt z.B. mehrere Häfen hintereinander hätten, würden alle kaum
Schlaf kriegen und nur arbeiten, weil so viel zu tun ist. Jetzt liegt die
Ozeanreise und damit ganz normale Seewachen vor uns, ich hab zusätzlich
nur die Reefer und die Bilgen zu kontrollieren, ist in 1h pro Tag
erledigt. Freu mich richtig auf die entspannten 16 Tage Pazifik, die
anderen sortieren schon ihre DVDs gegen die Langeweile. Ich habe mir von
der Brücke ein paar Bücher mit auf die Kammer genommen und lerne, meistens
aber nutze ich die freie Zeit – wie vorhergesagt – zum Schlafen. Ich mache
einen „trip down memory lane“, wir fahren an der „fantastischen“ Insel Iki
vorbei (bei der Überfahrt bin ich damals sooo seekrank gewesen, meine
Herrn!) und an Süd-Kyushu, das waren tolle Reisen...

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