Samstag, 24. September 2011

Buenaventura - Kolumbien

Mit viel Enthusiasmus nutze ich meinen freien Vormittag zu einer Tätigkeit, die schon lange überfällig ist – ausschlafen! 12h schaffe ich, ein bordeigener Rekord. Hab aber auch fast 11h gearbeitet, da darf man das schonmal.
Die Ansteuerung von Buenaventura ist ziemlich schwierig. Die Stadt liegt in einem Flussdelta, überall sind Sandbänke, und selbst der ausgebaggerte Kanal für Schiffe hat nur so um die 12m Tiefe, bei einem Tiefgang von 10m kann das ganz schön eng werden. Mit Gezeitenstrom von der Seite und so wenig Wasser unter dem Kiel steuert es sich schlecht, und die durchlaufende Strömung kann das Schiff auf den Grund „saugen“ (fragt mal einen Physiklehrer eures Vertrauens, warum das so ist). Um 8Uhr stehe ich auf der Brücke als Kampfrudergänger für den Lotsen parat, der sich auf 11 Uhr und dann auf 1430Uhr verspätet. Meine Hoffungen auf skypen erledigen sich damit, da ihr ja 7h voraus seid.
2h flussaufwärts steuern, dann direkt vorm Hafenbecken für eine halbe Stunde vor Anker, da noch ein anderes Schiff auf unserem Platz liegt. Bis wir fest sind, ist es 19Uhr. Ich helfe an Deck mit den Leinen, es regnet in Strömen. Im Hafenhandbuch steht, dass es in Kolumbien die Hälfte der Zeit regnet und deshalb die Hafenarbeiten öfter unterbrochen werden müssten. Ich hatte das für eine Übertreibung gehalten, aber es schüttet wie aus Eimern. Immerhin ist es damit nicht so irre warm. Nach dem Anlegen schnell unter die Dusche, dann Abendessen, und fertig machen für den Landgang. Der Kapitän hat schon gesagt, dass man hier einen Schlepper zahlen muss, der einen begleitet und die Leute vom Hals hält. Und richtig, als wir am Gate unseren Landgangspass vorzeigen, quatscht uns schon einer an. Von welchem Schiff wir denn kommen. Der Käptn sagt todernst, von dem russischen Schiff, das gerade eingelaufen ist, und wir kämen aus St. Petersburg. „Kenn ich“, sagt der Schlepper mit einer wegwerfenden Handbewegung, ist halt ne coole Sau. Und wir wären in Kaliningrad geboren, das kennt der Schlepper natürlich auch, genau wie Sergei und Vladimir, die vor uns durch Gate gekommen sind. Ich kann kaum noch vor Lachen, und der Kontrolleur, der unser DEUTSCHES Schiff grad in sein Buch einträgt, kann sich das Grinsen kaum verkneifen.
Na jedenfalls stapfen wir ein wenig durch die Straßen. Durch die ganzen Lichter und die laute, südamerikanische  Musik, die aus den Boxen dringt, hat das Ganze ein gewisses Flair, aber im Hellen möchte ich hier nicht langlaufen, ich glaube, da ist das Elend zu gut sichtbar. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich komm mir vor wie im Film. Als würden Roman Polanski und David Finch „Buena Vista Social Club“ neu drehen. Die Stimmung ist seltsam, man erwartet jeden Moment, was Schlimmes zu sehen. In eine Bar wollen wir dann doch nicht, wir gehen in einem Hotel ein Bier trinken, nachdem ich mich im Supermarkt mit Knabberzeug eingedeckt habe. Aber selbst das elegante Hotel ist düster, und nach dem Wolkenbruch vorhin kann man auch nicht draußen sitzen. Wir halten uns nicht lange auf und gehen zurück zum Schiff.
Am Gate drückt der Käptn dem Schlepper einen Fünfer in die Hand, das sind wohl die marktüblichen Preise, und dafür, dass man ohne Angst rumlaufen kann, ganz OK. Der Schlepper will sich damit aber nicht zufrieden geben, er will 10 Dollar. Der Kapitän nimmt ihm daraufhin den Fünfer aus der Hand und geht durchs Gate. Ich schnell hinterher, der Schlepper ist natürlich not amused. Er ruft uns noch ein bisschen hinterher, gibt dann aber auf. Der wird sich das nächste Mal bestimmt mit 5 Dollar abfinden.
Wir haben Internetsticks an Bord! Hat wohl einer von Land vermietet, wir haben bis zur Abreise Internet. Ich teile mir einen mit dem Chief Mate und rufe schnell zu Hause an, juhu! In Asien soll das häufiger sein, ich hoffe ja, dass ich dann mal länger anrufen kann. Dann schnell in die Heia, in 4h muss ich wieder auf Wache sein.

6 Uhr Gangwaywache. Wir kontrollieren, ob die Laschgang vom Hafen ordentlich verlädt und lascht, und jeder, der an Bord will, muss Ausweis vorzeigen und sich ins Buch eintragen. Seit 9/11 sind auch hafenseitig die Sicherheitsmaßnahmen extrem verschärft worden, ein Grund, warum wir auf der Brücke in Papierkram ertrinken, ständig müssen Listen aktualisiert und verschickt werden: Ankunfts- und Abfahrtsberichte mit Crewlisten, Proviant, Impfungen, vorherige Häfen, Fahrplan, Positionsberichte etc… Glücklicherweise haben  wir mehrere Tage zwischen den Häfen, sonst käme man überhaupt nicht zum Schlafen.
Nach dem Frühstück gehe ich auf die Brücke, dann kommen Polizisten mit Hunden an Bord, um nach Drogen zu suchen. Ich gehe mit einer jungen Polizistin durch die Aufbauten. Habe den Generalschlüssel, und schließe alle Zimmer auf, die sie sehen will. In der Kammer neben der Kapitänskammer macht der Hund einen Haufen, und der Kapitän ist zur Sau. Das Mädel, das die ganze Zeit noch so knallhart getan hat, fängt fast an zu heulen und geht mit dem Steward saubermachen.
Gegen Mittag laufen wir dann endlich aus. Ich steuere wieder flussabwärts, und diesmal ist noch weniger Wasser da, ich merke richtig, wie das Schiff manchmal wegsackt. Muss mich permanent konzentrieren, ich bin dann auch richtig knülle. Als wir den Lotsen abgesetzt haben, bereiten wir noch die Berichte für Ecuador vor, dann fall ich tot ins Bett, bis der Wecker fürs Abendessen klingelt. Schnell futtern, dann mach ich mit dem Koch und dem Steward Proviantlisten (wir haben so viele leckere Sachen an Bord, warum sehe ich davon nie was???) und da ich die Nachtwache freikriege, geht‘s ratzfatz in die Koje. Mal durchschlafen, juhu! Sonst schlafe ich etappenweise, ein paar Stunden nachts und ein paar nachmittags, aber das hier ist der pure Luxus.
Ich sollte eigentlich wieder Samstag frei haben, weil wir geplant am Sonntag 01:30 Uhr beim Lotsen sind und die Ansteuerung 6h(!!) dauert, die ich mich dann mit einem anderen Rudergänger abwechsele. Jetzt haben wir eine Mail gekriegt, dass wir schon Samstag mittags da sein sollen, sonst gibt’s erst in 3 Tagen einen Liegeplatz, der Hafen wäre überfüllt. Wir können die Geschwindigkeit aber nicht weit genug hochfahren, mit 30° warmen Seewasser kriegt man die Maschine nicht gut genug gekühlt für solche Geschwindigkeiten. Mal sehen, was wir jetzt machen. 3 Tage treiben ist natürlich sehr entspannend, aber wir würden wieder weit im  Plan zurückfallen, mussten ja schon durch die Verspätung auf der Überfahrt (die Taifune, ihr erinnert euch) San Vicente in Chile streichen.

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