Dienstag, 6. September 2011

Swimmingpool

Nach ausführlichem Versteckspiel mit 3 tropischen Stürmen in 1 Woche ist
endlich wieder eitel Sonnenschein angesagt! Wir wollten ursprünglich
nördlich von Japan auf den Großkreis nach Mexiko (Großkreis ist die
kürzeste Route, wie aufm Flug von Frankfurt nach JFK über Grönland), aber
Taifun Talas sollte nördlich – quasi mit uns - ziehen. Wir haben uns
gedacht, den lassen wir durch und fahren südlich rum. Talas überlegt es
sich anders und hängt sich an der Südküste fest, hier haben wir die ersten
Tage verloren. Auf gen Osten, und aus einem tropischen Tief auf unserer
Bahn entwickelt sich Tropensturm Noru. Aber zum Glück zieht der mit einer
Wahnsinnsgeschwindigkeit vor uns durch, bis – ja bis wir kurz davor sind,
da macht Noru ein Päuslein und wartet auf uns, der Gute. Wir bekommen drei
verschiedene Wetterberichte mit 60sm Unterschied in der Position, aber dem
Wetter zufolge glauben wir mal dem Japaner, der Noru auf unserer Position
sieht. Wellen bis 9m, man beobachtet bei jeder Rollbewegung ängstlich die
Containertürme. An Schlaf ist kaum zu denken, ich glaub, ich hab ein
Schleudertrauma vom Hin- und Herrollen. Heute gehen die Wellen langsam
zurück, und auch der Wind flaut ab. Die Sonne lässt sich nach mehreren
Tagen Grau-in-Grau endlich wieder blicken und ich halte mein käsiges
Gesicht in selbige. Irgendwo findet sich immer ein windgeschütztes
Plätzchen, denn ich kann ja meine Freiwache nicht vertrödeln, hab die
Bibliothek auf der Brücke leergeräumt und ackere alles von
Sicherheitsdingen, Ladung (nicht so intensiv, kommt ja später),
Ozeanströmen und Routen bis zu – aus aktuellem Anlass – tropischen
Wirbelstürmen durch. Der Kapitän hat mir netterweise noch seine halbe
Privatbibliothek aufs Auge gedrückt, die muss jetzt auch noch in den
kleinen Kopp rein.
Aber die Wetterbesserung entschädigt. Endlich steht Annes Schutzengel
wieder aufm Fensterbrett, ohne durch die Kammer zu fliegen und ich kann
wieder Büchertürme auf der Couch bilden. Draußen ein herrliches
Naturschauspiel. Nichts als schwarze See, hellblauer Himmel und Sonne.
Wenn die Wellen brechen, kommt die Gischt zeitweise bis zu mir im 2. Stock
rauf, und die Wellenkämme haben eine Farbe wie der Tiefpunkt des
Cocktailschaffens – „Swimmingpool“: strahlendes Eisblau. Dazu meterhoher
Schaum, fantastisch. Wie Schlumpfeis mit Sahne. So lässt es sich
aushalten. Bin jetzt schon gespannt auf das Winterwetter, momentan ist es
richtig tropisch mit 27° und hoher Luftfeuchte. Schon auf der Rückfahrt
durch die Aleuten wird es wohl um einiges frischer werden, und die
Temperaturdifferenz vom warmen Wasser zur kalten Luft generiert einen
Wahnsinnsnebel mit Sichtweiten von unter 1sm.
So, auf zur 20/24-Wache, die diesmal dank Zeitumstellung (jaaaa, wir
fahren endlich wieder gen Osten!) nur 3h dauert. Volle Kraft gegen die
Zeit. Am Samstag wird wohl dann unser interner Datumswechsel stattfinden,
wobei essenstechnisch Sonntag besser wäre – zweimal Büffett! Aber Samstag
gibt’s Apfelpfannkuchen zum Frühstück, auch gut.

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