Freitag, 30. September 2011

Peru Pisco Paradise

Im Paradies spielt Zeit keine Rolle. Der Lotse für Callao soll um 8 Uhr kommen. Wir sind um kurz nach 6 Uhr in der Nähe des Hafens und lassen uns treiben, für 2h lohnt es sich kaum, zu ankern. Ich sehe die Berge Perus im Nebel auftauchen, zusammen mit einer Armada an Fischerbooten, außerdem Seehunde, Delfine, Möwen - Primetime im Bordkino. Um 10 Uhr ein wütender Anruf des Kapitäns beim Agenten, da die Lotsen nicht auf unsere Anrufe reagieren. Da hätten wir auch ankern können und hätten Ruhe gehabt, denn beim Treiben lassen muss man wahnsinning aufpassen. Man ist tatsächlich nach KVR manövrierunfähig, da es ewig dauert, bis die Maschine hochgefahren ist und man damit faktisch nicht ausweichen kann. Hier ist massenhaft Verkehr, das UKW quakt die ganze Zeit „Tramar, Tramar“ - das ist die Verkehrszentrale, die kommen gar nicht hinterher. Anstatt gleich die Schiffe zu realistischen Uhrzeiten zu bestellen, holen die erstmal alle vor die Einfahrt und da treiben oder ankern wir nun alle. Gerade wollen auch wir den Haken wegschmeißen, da meldet sich „Tramar“ – endlich! Um 12 Uhr soll der Lotse kommen. Wir sind lernfähig und gehen um 12 erstmal in Ruhe essen, und pünktlich um halb zwei schlägt der Ortskundige auf. Die Ansteuerung von Callao dauert sensationelle 20 Minuten, da hab ich mich noch gar nicht warmgesteuert. Kaum sind wir fest, kommt schon das übliche Geschwader an Agenten und Behörden an Bord. Es ist mittlerweile spät, und da Callao der schlimmste und gefährlichste Hafen ist, mach ich mir keine Hoffnungen auf Landgang, doch da kommt ein Anruf des Kapitäns, ob wir noch losziehen wollen. Wann hab ich schon noch einmal die Chance, Peru zu sehen? Callao ist ein Stadtteil von Lima, der Käptn will nach San Miguel (Strand) oder Miraflores (Schicki-Micki). Ich habe noch die Stories im Ohr, wo man das Taxi im Hafen bestellen soll, aber auf den 3m zwischen Gate und Taxi überfallen und ausgeraubt wird. Ich war so naiv, zu fragen, was mit den Wachen am Gate ist, sind die nicht da zum…naja…bewachen? „Die Ganoven ziehen Ihnen eins über, klauen Ihr Geld und machen mit den Wachen halbe-halbe.“ Ach so. Klar. Logisch. Wie dumm von mir.
An der Gangway steht schon einer, der uns sein Taxi anbietet. Preis ist OK, wir schlagen ein, froh, nicht erst bis zum Gate laufen zu müssen. Und oh Wunder, man fährt durch das Gate einfach durch, nix mit laufen, die kontrollieren lediglich unsere Landgangspässe durch die runtergekurbelte (schwarze!!!) Scheibe. Ab nach Lima!
Als Erstes geht’s in ein Einkaufszentrum, aber hier ist alles so teuer! Wollte mir eigentlich ein paar T-Shirts holen, aber 20Dollar-Shirts sind für den Bordgebrauch zu schade. Weiter nach Miraflores. Leider ist es mittlerweile dunkel, den Strand kann ich nur erahnen. Wir haben den Taxifahrer nach einem guten Restaurant gefragt und er setzt uns an einem Nobelschuppen sondergleichen ab. Brighton Pier lässt grüßen, schön auf den Steg rausgebaut mitten in die Brandung. Herrlich! Am Empfang der Schock – wir sind massiv underdressed! Alle tragen Anzug, wir Fleecejacken, hm. Kriegen dann einen Platz auf der Terrasse und nach geraumer Zeit einen Heizstrahler, mir frieren nämlich so langsam die Finger ein. Auf der Speisekarte stehen keine Preise, aber man lebt nur zweimal, also Salat PLUS Hauptgericht! Habe selten so gut gegessen. Dani, ich glaube, Antibes oder Juan-les-Pins müssen den Preis für „Bestes Essen meines Lebens“ abgeben, kannst du dir das vorstellen? Ist aber so.
Hurra, der Käptn übernimmt die Rechnung! Er hat gestern Heuerabrechnung gemacht und war wieder einmal schockiert über meine Heuer. Randnotiz für zukünftiges Kapitänsleben: Kadetten mit schmalem Geldbeutel öfter mal einen ausgeben, die Dankbarkeit ist enorm. Anschließend gehen wir noch in die Bar auf einen Cocktail. Hier tummeln sich Europäer und reiche Peruaner, die Bar ist sehr elegant. Wir bekommen zunächst keinen Sitzplatz und stehen an der Bar, wo  mein Cocktailherz höher schlägt. Allein, dass die mehr als einen Gin haben… Uns wurde der Nationalcocktail „Pisco Sour“ empfohlen. Ich mag Sours, einfache, klassische Cocktails aus klarem Schnaps, Zitronensaft und Zucker. Die Cocktailkarte hat etwa 20 verschiedene Piscos zur Auswahl, wir nehmen einfach irgendeinen. Die Barkeeper zaubern diese gleich literweise, ich schaue mit großen Augen zu. In einen Shaker kommt Pisco, Eiweiß, Zitronensaft und Zucker, das gibt einen schön schaumigen Cocktail. Wir wissen immer noch nicht, was Pisco genau ist, gehen aber von einem schwachen Likör mit vielleicht 11% aus, denn pro Glas Pisco Sour kommt ein ganzes Saftglas Pisco rein. Es schmeckt sehr lecker, ist aber süffig. Nach einem reicht es mir, ich bestelle lieber noch einen Gin-Cocktail, der dagegen wie Wasser schmeckt. Der Kapitän schafft einen zweiten Pisco Sour. Als wir auf die Uhr gucken und unseren Taxifahrer bemitleiden, fällt uns das Aufstehen schwer, der Pisco muss es wohl in sich haben. Später stellt sich heraus, dass Pisco ein Weinbrand mit 40-50% ist! Kein Wunder…

An dieser Stelle möchte ich alle Zartbesaiteten bitten, nicht weiterzulesen. Für alle Hartgesottenen demonstriere ich im Folgenden Ausbildungsinhalte, die nicht im Training Record Book vorgesehen sind (warum eigentlich nicht, ist wichtig und gehört dazu). Wer alles ohne Wörterbuch versteht, fährt entweder seit 50 Jahren zur See, kennt einen Kapitän, der seit 50 Jahren zur See fährt - oder hat den falschen Job.
Blendend gelaunt und Pisco-beflügelt (aber nicht besopen!) beschließen wir einhellig, unsere Jungs aus der Nahkampfdiele abzuholen. Die erste ist brechend voll mit zwielichtigen Gestalten (da fällt einem schonmal ein Ei an Deck – Mama, du sollst das nicht lesen!), aber keine Spur von der Crew, im nächsten ist tote Hose. Der Barkeeper, der gut deutsch kann, sagt, die wechseln immer, mal seine Bar, mal die gegenüber. Wir trinken ein Bierchen (mehrere?), ich bekomme als armer Student Rabatt. Werde nächste Reise wiederkommen, haha. Hin und wieder stapfen Pärchen vorbei, ob normale Königskinder oder Heckfänger, aber im Großen und Ganzen ist es harmlos. Die guten, alten Zeiten (ich denke wehmütig an Messer-Martha) leben auf, an den Wänden hängen Flaggen und Shirts, die von ganzen Crews unterzeichnet sind, aus den Lautsprechern dröhnt „Blau, blau, blau blüht der Enzian…“, der Barkeeper schwärmt von Hamburg und Rotterdam.
Zurück im Hafen kriegt der Taxifahrer ein großzügiges Trinkgeld, wir steigen aus und sehen in weiter Ferne unsere Eierfeile auftauchen. Ich schlage vor, den Großkreis zur Gangway zu nehmen (das ist auf den Schock zurückzuführen, dass ich die Navigation über den Pazifik alleine machen soll), der Kapitän entscheidet sich für den nördlichen, mir bleibt der südliche. Wie durch ein Wunder kommen wir gleichzeitig an (sind in Wirklichkeit Loxodrome auf Mittelbreite gelaufen, das steht jetzt wieder im TRB) und schaffen es mit einem Mal die Gangway rauf, auch wenn der Kapitän schon Bilder von Treppenläufen à la Dinner for One gemalt hat. Alles in allem ein fantastischer Abend, der beste Landgang seit Roald auf Gomera (an dieser Stelle Grüße an Stefan, Stephan und SchimpfbüroKleinsimlinghaus). Der Fisch war gebraten. Zum Glück hab ich den nächsten Tag frei.
Wörterbuch auf Anfrage.

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