Donnerstag, 24. November 2011

Halbzeit

Endlich Halbzeit! Ich begehe offiziell die Ankunft in Manzanillo morgen als Halbzeitdatum, da ich wohl schon nach der ersten Februarwoche heimkomme. Die Jula S bekommt im Januar eine neue Route, von Asien (diesmal mit Hongkong, juhu!) geht es nach Seattle und Vancouver. Das wird spannend! Für uns bedeutet das jetzt schon, Seekarten zu bestellen, alles für US-Standards zu checken – die stellen sich in der Seefahrt schlimmer an, als man das vom Flughafen her kennt. Etliche Formulare und Listen werden vorbereitet und Crewwechsel angeleiert, denn nicht alle haben ein US-Visum. Und all das, wo ich in den Vorbereitungen für die südamerikanischen Häfen stecke – ich hatte ja letzte Reise schon angedeutet, dass hier auch viel Papierkram ansteht. Durch Asien bin ich fit, aber die Arbeit fällt ja trotzdem an, auch wenn es mittlerweile bedeutend schneller geht. Habe diesmal auch wesentlich mehr Durchblick als letzte Reise, und ich hoffe, es wird sich so etwas wie Routine einstellen, denn noch hängt mir der letzte Hafenmarathon in den Knochen. Zum Glück haben wir immer einige Tage zwischen den Häfen, und ich werde auch für den Rest des Monats die 4-8 Wache mitlaufen. Da der Chiefmate wie ich kein Morgenmensch ist, habe ich morgens immer schön viel Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen und Ideen fürs Buch zu sammeln.

Außerdem bin ich mittlerweile ein fleißiger Sterngucker, finde seit heute 12 Sternbilder. An Planeten sehen wir regelmäßig Jupiter, Saturn und Mars. Ist schon toll, wenn man auf das Sternenwirrwarr schaut und plötzlich Strukturen erkennt, statt wildem Durcheinander von funkelnden Lichtern. Das kommt auch der Kompasskontrolle zugute: Mit Almanachs finden wir die genaue Peilung der Sterne oder Planeten zu einem bestimmten Zeitpunkt für eine bestimmte Position heraus, peilen über den Kreiselkompass und können feststellen, ob unser Kompass abweichend anzeigt. Das wird auch regelmäßig ins Schiffstagebuch eingetragen, Vorschrift ist einmal pro Wache. Ihr seht, auch mitten aufm Teich haben wir zu tun.

Letztes Wochenende gab es wieder eine Grillparty, diesmal bei deutlich kühlerem Wetter. Deshalb hatten wir uns bald von Deck an die Bar verzogen, wo es kuschelig warm war. Eigentlich wollte ich früh ins Bett, bin aber leider im Crewaufenthaltsraum beim Filipino-Karaokeabend versackt. Die stehen ja alle auf Schmachtfetzen, und so schön, wie da manche ins Mikro geschluchzt haben, kann mancher Popsänger sich eine Scheibe abschneiden. Ich habe nach 3 Bier auch angefangen zu singen, bis nach Mitternacht nur noch der Maschinenkadett, Wiper und ich übrig waren. Wir haben noch ordentlich Asche gegeben, bis wir keine Stimme mehr hatten. Um 2 Uhr ins Bett, ein Stündchen Schlaf hab ich vor der Wache noch reingequetscht. Da war ich zwar todmüde, aber hatte so viel Spaß, das war es wert.

Morgen wird sich viel ändern, bin gespannt, was ich in 24h schreiben werde. Geplant ist, morgens beim Lotsen zu sein. Dann machen die Kapitäne Übergabe, und Kpt. Bauer und ich kommen doch noch zu unserem Ausflug in das Luxusrestaurant. Wird ein netter und bestimmt auch etwas trauriger Abschied. Ihm habe ich immerhin viel zu verdanken. Vielleicht fahren wir im Sommer noch einmal einen Monat zusammen auf einem holländischen Schüttgutfrachter in der Ostsee, er hat schon seinen alten Kumpel daraufhin kontaktiert. Dann brauch ich nur ein holländisches Seefahrtbuch und die Seediensttauglichkeit, und ein weiterer Monat Fahrtzeit ist im Kasten. Wird super. Einen besseren Lehrer und anspruchsvolleres Revier fürs Manövrieren kann ich mir nicht wünschen.

Bald werde ich auch wieder Internetmöglichkeit haben, seid gespannt auf neue Fotos und macht euch auf einen Skype-Anruf gefasst.

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