Freitag, 18. November 2011

Nebelfahrt

Seit nunmehr 4 Tagen sind wir eine Insel im Nebelmeer. Graue Nacht wird vom grauen Tag abgelöst, nur schwache Änderungen in den Graustufen zeigen den Verlauf der Zeit an. Von Dunkelheit oder Tageslicht spricht man gar nicht – nachts streuen unsere Positionslampen ihren Schein weit in den Nebel hinaus, tagsüber geht die See nahtlos in den Himmel über. Anfangs hatten wir noch sturmgepeitschte See, sodass wenigstens die Schaumkronen einen die Fortbewegung ahnen ließen, doch mittlerweile ist es windstill. Wir sind in eine dicke graue Watteschicht eingepackt, die alle Sinne erstickt. Man hört nichts, sieht nichts. Die bunten Containertürme scheinen im Nichts stillzustehen und die Positionseinträge auf der Seekarte Lügen zu strafen, die zeigen, dass wir uns doch durch dieses endlose Zwielicht fortbewegen. Wenn man mehrere Stunden am Stück in den Nebel hinausschaut, ist es, als sei man erblindet. Seit Tagen sieht man nichts, das dem Auge Halt gibt. Ich gehe die 4-8 Wache, die eigentlich fast jeden Tag einen Sonnenaufgang bereithält, doch als vorgestern (letzte Woche? Letzten Monat? Das Zeitgefühl ist hin) der Himmel für wenige Minuten aufriss, lag ein trüber Grauschleier über der Sonne. Dieser Mangel an Farben hat seltsamerweise eine anregende Wirkung auf die Fantasie, noch nie habe ich in Gedanken so viele Briefe, Gedichte, Geschichten geschrieben wie in meinen morgendlichen Wachstunden. Wenn ich dann nach dem Frühstück versuche, all das in meinen Computer zu übertragen, ist das Meiste schon wieder weg – im Nebel zurückgelassen.

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