Nach 2 Wochen auf See und nur einem
Hafen danach wirkt das nächtliche Einlaufen in Chinas drittgrößter
Stadt, Shenzen, surreal. Wir fahren an Hongkong vorbei mit seiner
überwältigenden Skyline. Ich grüße Victoria Hill, den wir von
einem Zwischenstopps nach Neuseeland kennen, das In-Viertel Kowloon,
das bunt über den Fluss leuchtet und Hongkong Island mit
Wolkenkratzern und Flughafen. Im Verkehrstrennungsgebiet (VTG, eine
„Autobahn“ für Schiffe) vor Hongkong war zum Glück nicht so
viel Verkehr, sodass ich fast die ganze Zeit selber dem Autopiloten
die Ausweichkurse vorgeben konnte. Hier treffen 3 VTGs aufeinander,
mit einem Kreisverkehr in der Mitte. Dann noch unzählige Schiffe,
die das VTG kreuzen oder hinter Inseln hervorkommen, da musste man ganz schön konzentriert
sein.
Shenzen hat die Häfen Chiwan und
Shekou, beides riesige Containerhäfen. Wir machen in der
Morgendämmerung in Shekou fest. Die Behörden kommen an Bord und
holen die Papiere ab. Der Agent überprüft gleich an Ort und Stelle
die Pässe, und wie Marin vorhergesagt hat, ist er sehr pingelig.
Wenn einer 5 Vornamen hat und nur einer davon fehlt auf der
Crewliste, gibt’s Ärger. Ich musste die Liste noch zweimal ändern,
bis der Agent endlich zufrieden war. Dann die obligatorischen 12
Stangen Zigaretten rübergeschoben, der Agent wollte unsere
chinesischen Billig-Zigaretten erst nicht annehmen, er bestand auf
Marlboro, aber der Kapitän hat hoch und heilig versichert, dass wir
keine anderen hätten. Am Ende hat er sie dann doch eingesteckt und
sich von dannen gemacht. Alles, was hier mit Behörden zu tun hat,
ist häufig „nur eine Marlboro-Frage“, ganz schlimm muss das wohl im
Suez-Kanal sein, der unter Seeleuten den Beinamen „Marlboro-Channel“
hat.
In Shekou sollen wir 10h liegen, also Zeit für einen Landgang. Schlaf wird sowieso überbewertet. Der Taxifahrer setzt uns gleich im Rotlichtviertel ab, meine Herrn, ist das alles abgeranzt hier. Wir spazieren weiter und kommen in ein schickes Wohngebiet, aber sonst hat Shenzen nicht viel zu bieten. Bin nicht sehr begeistert von der Stadt, ich schätze mal, dass es hier null Tourismus gibt, nur Industrie und es deshalb nicht gerade umwerfend ist. Wir kaufen noch einen Berg DVDs für je 1-2 Dollar und wühlen uns durch das Fälscherparadies, ich erstehe eine Ray Ban für 20 Dollar, die wirklich sehr gut nachgemacht ist. Breitling Uhren gibt’s für 30 Dollar, wenn jemand Wünsche
in der Richtung hat, sagt Bescheid.
Nachmittags eine Stunde aufs Ohr hauen, nach dem Abendessen ist
Auslaufen angesagt. Wieder durch die traumhafte Skyline Hongkongs,
aber ich bin mittlerweile so müde, dass ich am Ruder abgelöst
werde. Vorher die ganze Nacht ansteuern, dann Landgang, dann wieder
rausfahren, ganz schön anstrengend. Um Mitternacht werfen wir Anker
vor Hongkong, um zu bunkern. Die Bunkerbarge ist die ganze Nacht
längsseits, die armen Maschinenleute müssen eine lange Nachtschicht
einschieben. Wegen der Gefahr einer Umweltverschmutzung durch das Öl müssen alle Bunkerwache gehen und
kriegen in diesen 2 Tagen noch weniger Schlaf als wir auf der Brücke.
Nachdem ich zum ersten Mal ein Ankermanöver mit einer so großen
Kiste gefahren bin, mache ich noch die Ankunftspapiere für Ningbo,
unseren nächsten Hafen, fertig und schicke sie per mail raus.
Mittlerweile ist es 1 Uhr, ich bin seit fast 24h auf. Der Kapitän
besteht auf einem Bierchen als Schlaftrunk, und nachdem ich die
letzte Woche lang durch den „Jetlag“ massive Schlafstörungen
hatte, schlafe ich ein, noch bevor ich beide Beine in der Koje hatte.
Auf die Berichterstattung und
Einklarierung muss ich noch näher eingehen, ist nämlich ein echtes
Schmankerl: Offiziell gehört Hongkong ja mittlerweile zu China, aber
das ist noch nicht bis in die Seefahrt vorgedrungen. Sobald wir die
Grenze zu Hongkong Gewässern passieren, muss ich mich beim Hongkong
VTS „Mardep“ melden. Dann an allen möglichen Punkten, südlich
einer Insel, an der und der Tonne, etc. Wir bekommen einen Hongkong
Lotsen an Bord, Mardep kriegt Bescheid, wenn der Lotse an Bord kommt
und wenn er wieder geht. Dann melde ich mich bei Mardep ab und beim
Shenzen VTS an. Ein Shenzen Lotse kommt an Bord für die letzten 4
Meilen durch chinesischen Gewässer. Und nebenbei muss ich noch
meinen Kurs und den Verkehr im Auge behalten, nicht umsonst nennt der
Kapitän Hongkong meine „Feuertaufe“. 24h vor Ankunft mussten wir
wie immer die Ankunftspapiere per email an Hongkong schicken, dann
Ankunftspapiere für Shenzen. In Shenzen nimmt der Agent die
Hafenpapiere mit. Beim Auslaufen die gleiche Prozedur, nur gehen wir
ja jetzt vor Hongkong auf Reede, das heißt, wir müssen
einklarieren. Ein Schnellboot bringt die Klarierung und nimmt unsere
Hafenpapiere für Hongkong mit. Mardep erfährt, wann und an welcher
Position der Anker fällt, wann wir ankerauf gehen und wohin wir als
nächstes fahren. Und wehe, man vergisst irgendeinen dieser ganzen
Meldepunkte oder Papiere! Ich hocke nur noch vor dem Computer und
passe die Papiere an. Es passiert halt nicht jeden Tag, dass man
Häfen in zwei verschiedenen Ländern an einem Tag anläuft.
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