Es braucht tatsächlich 3 Seetage, bis
ich mich vom asiatischen Hafenhopping soweit erholt habe, dass ich
wieder Nerven zum Schreiben habe. Habe an der Küste weder an meinem
Buch gearbeitet, noch Blog geschrieben. Aber nachdem ich ja eine
Monatsheuer in chinesischen Telefonkarten investiert habe und ihr eh
alle auf dem neuesten Stand seid, habe ich da auch keine Eile
gesehen.
Ich bin richtig knülle. Immer, wenn
sich gerade ein wenig Routine eingeschlichen hat und man meint, sich
ausruhen zu können, kommt eine neue Herausforderung. Manchmal
wünschte ich mir, ich wäre nicht so verdammt ehrgeizig, den meisten
Stress mache ich mir nämlich selbst. Ich will gleich alles können,
und dass das anstrengend ist, weiß ja wohl jeder. Also sind jetzt
erst einmal wieder normale Wachen angesagt, und ich hoffe auf ein
wenig Routine, bevor in Manzanillo der neue Kapitän kommt und sich
wohl viel ändern wird. Nach Shekou und Hongkong waren wir noch in
Ningbo, Yangshan (bei Shanghai) und Pusan, wo wieder ein Crewwechsel
mit allem dazugehörigen Papierkram stattfand. Diesmal sind 2
Matrosen und der Messmann (Steward) gegangen. Von der Originalcrew,
zu der ich vor zweieinhalb Monaten gestoßen bin, sind nur noch
Kpt. Bauer, der Chiefmate, Marin und
der Maschinenkadett übrig. Habe diesmal wieder für die Crew die
Heuerabrechnung gemacht und alle neuen Crewpapiere eingesammelt und
auf der Musterrolle eingetragen. Es ist schon frustrierend zu sehen,
dass der Maschinenkadett, der sich oberdusselig anstellt, doppelt
soviel Heuer wie ich bekommt. Naja, in 4 Jahren ist die Durststrecke
vorbei, bis dahin werde ich mich überall durchschnorren.
Unser letzter Stopp in Pusan wurde
inoffiziell zu meiner „Prüfung“ erklärt, mit Ansteuerung,
Funken, Papiere und Radarnavigation. Wenn ihr euch die Radarbilder
später anschaut, wisst ihr, dass ich mich ordentlich durchbeißen
musste. Habe aber alles alleine gefahren (Kpt. Bauer hat sich
schweren Herzens zurückgehalten) und bin mächtig stolz auf mich.
Ich glaube, er ist das auch, das ist doch ein schöner Abschluss für
seine letzte Reise, wenn man weiß, dass man jemandem so viel
mitgeben konnte. Ich bin so froh, dass er länger bleiben musste,
sonst hätte ich wohl nie die Chance gehabt, soviel zu lernen. Meine
Kollegen krabbeln an Deck rum und dürfen Rost klopfen und Ähnliches,
ich glaube nicht, dass einer selber Radarnavigation machen darf,
zumindest nicht im ersten Praxissemester. Andererseits müssen viele
auch Dussel vor dem Herrn sein, wenn einer aus dem 6. Semester eine
Richtfeuerlinie entlangsteuern soll und sagt, er hätte die
mathematische Ableitung dazu nicht im Kopf – hallo? Ein Richtfeuer
besteht aus zwei Feuern hintereinander, das hintere ist höher als
das vordere. Wenn beide Feuer in Linie sind, befindet man sich auf
dem richtigen Kurs, z.B. bei einer Ansteuerung zwischen Untiefen
hindurch. Mathematische Ableitung, alles klar.
Am Samstag hatten wir den monatlichen Sicherheitsdrill, wieder Feuer und Schiff verlassen, zusätzlich mussten wir eine Ölverschmutzungsübung machen, die ich mit dem Kapitän vorbereitet habe und zu denen ich anschließend die Berichte an die japanischen Küstenwache geschrieben habe. Ich konnte mich kaum auf die Drills konzentrieren, wir sind nämlich genau zu dem Zeitpunkt zwischen den japanischen Inseln durchgefahren, die in der Morgensonne ein beeindruckendes Panorama abgaben. Außerdem war es saukalt, es kamen gleich beide Paare langer Unterwäsche zum Einsatz. Nach der ganzen Tropenhitze wirken eben auch 10 Grad frostig, vor allem, wenn man mit 19 Knoten längsheizt, der Fahrtwind kühlt ordentlich. Nach dem katastrophal gelaufenen Feuerdrill gestern – die Leute nehmen es nicht ernst und kriegen nix auf die Reihe - hat mir heute der 3.Ing nochmal das Atemschutzgerät erklärt. Er meint, die Filipinos hauen eh alle ab, wenn es brennt (ist wohl schon öfters vorgekommen), dann müssen die Offiziere mit Atemschutz in Einsatz. Schon echt der Hammer, was? Bevor ich in diesem offenen Rettungsboot über den Nordpazifik eiere, versuch ich doch vorher alles, das Feuer auszukriegen. Aber da sind wir wieder bei Thema Ausbildung bzw. das Fehlen derselben. Wenn ich keinen Plan habe, wie die Feuerlöschausrüstung funktioniert, kann ich auch nicht damit umgehen.
Wir sind übrigens wieder in dem
Pazifik-Funkloch. Die letzten beiden Male hatten wir 5 bzw. 6 Tage
keine Emailverbindung, also nicht wundern, wenn ihr nix von mir hört.
Schreibt bitte trotzdem fleißig weiter, irgendwann kommen die Mails
an, sie gehen nicht verloren. Freue mich immer über Post und werde
versuchen, zeitnah zu antworten. Habe übrigens eure
Abschiedspostkarten überm Bett aufgehängt und gucke jeden Tag
auf die bunte Mischung. Dafür nochmal danke an Claudi, Daniela
Sömmer, Horand, Gudrun und Andrea und die Kolleschn!
Liebe Grüße ins winterliche
Deutschland!
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