Samstag, 3. Dezember 2011

Kampf

So, ihr Lieben, ich konnte mich längere Zeit nicht melden, denn hier mussten erstmal Fronten abgesteckt und Allianzen geschmiedet werden. Nachdem ich mit Paul (Kapitän Bauer und ich sind jetzt beim „Du“) einen superschönen Tag in Manzanillo verbracht hatte, ging es mit dem neuen Kapitän auf die Reise. Kpt. Niemann hält nichts von „Schnellbeförderung“ (muss zugeben, eigentlich hat er recht), also erstmal zurück an Deck für mich. Das wäre alles nicht das Problem. Ich bin nicht arbeitsscheu und konnte das Niemann zum Glück nach den letzten zwei Häfen (Buenaventura und Guayaquil) beweisen. Er schaut mich jetzt schon mit ganz anderen Augen an, seit er sieht, dass ich ordentlich mit anpacke und auch noch – oh Wunder – Spaß dabei habe. Da ist hier jemand anderes, der nun nach Bauers Weggehen seine Chance gekommen sieht, auf dem Rücken von anderen die Karriereleiter raufzukrabbeln. Es hat ziemlich viele Anstrengungen meinerseits gekostet, durch das billige Lügen- und Intrigennetz durchzusteigen, das er für mich vorbereitet hatte. Als er merkte, dass er mich mit etlichen Überstunden und Drecksarbeiten nicht kleinkriegte, hat er versucht, mich auf die mieseste Art bei der Crew schlechtzumachen. Hab also

erstmal aufräumen und überall Allianzen schmieden müssen. So, jetzt kann er kommen. Bin zwar so kaputt, dass ich kaum noch tippen kann, aber meine Armee ist besser aufgestellt. Das Schlimmste, was jetzt noch passieren kann, ist, dass ich in Valparaiso nicht an Land darf, weil ich tagsüber im Hafen arbeiten muss. Aber ich werde ordentlich ranklotzen, und dann frag ich Niemann einfach direkt, ob ich nach mehreren Häfen ohne Landgang wenigstens meinen Decksdienst in Valparaiso abgeben kann. Das ist hier die einzige Stadt außer Manzanillo, wo es sicher ist, alleine an Land zu gehen, das will ich mir ungern entgehen lassen. Und wenn ich meinen Tagesdienst nicht loswerde, zieh ich eben nachts los und hab Spaß, auch wenn ich dann morgens nicht aus den Augen gucken kann, egal. Valparaiso ist so schön mit seinen ganzen Bars und Cafés, da mach ich’s mir gemütlich. Auch wenn ich es wirklich bedauern würde, keine Gelegenheit zu haben, bei dem Sommerwetter mit der Seilbahn auf die Hügel zu fahren. Ich werde mich dann wohl mit meinem Laptop in eine Bar setzen und noch schön weiterschreiben.

Aber selbst, wenn das nicht klappt, ich lass mir hier nicht in die Suppe spucken. Da ich keine Verantwortung mehr trage (man schläft ruhiger, da ging der Schuss für den Intriganten nach hinten los, mir die ganzen Ansteuerungen wegzunehmen), kann mir auch nix passieren. Mach Dienst nach Vorschrift, und das war’s. Es sind eh nur noch zwei Monate, ich will bei der Reederei nachfragen, ob ich Anfang Februar von Vancouver aus nach Hause fliegen kann. Das geht rum. Meine Freizeit (haha) nutze ich, um fleißig an meinem Buch zu arbeiten. Man sagt ja immer, dass man am Besten schreiben kann, wenn es einem dreckig geht, und ich muss sagen, es sind ein paar gute Szenen dabei rausgekommen. Jetzt geht es, wie gesagt, langsam bergauf. Mal schauen, was die nächsten Wochen so bringen. Aber ich denke, ich habe gut vorgesorgt, ich lass mich hier nicht zum Deppen machen. Denen zeig ich’s.

Heute – trotz Samstag – kein Karaoke, schade. Aber alle, ich eingeschlossen, sind zu kaputt. Nächsten Samstag gehen wir wieder in die Vollen. Werde mit meinen neuen Freunden ordentlich einen draufmachen. Übrigens, mein neuer Tagesablauf sieht so aus: Auf See geh ich die 0-4 Wache

mit dem 2. Offizier, der ist ganz nett, spricht gutes Englisch und weiß auch, dass hier manche Leute einen an der Waffel haben. Er wird mir dann noch was über Sicherheit erzählen, das ist zusammen mit Ladung der fehlende Teil in meinem Training Record Book. Zum Thema Schiffsführung hab ich bereits mehr gelernt, als andere Kadetten in zwei Praxissemestern. Im Hafen geh ich Tagesdienste, was echt clever eingefädelt ist, denn was soll ich nachts an Land, mit Spaziergängen ist da nichts. Das einzig Gute daran ist, dass der Kpt. tagsüber auch die ganze Zeit an Deck rumschleicht und sich wundert, wie ich zupacken kann. Ich gehe Ladungswache und Gangwaywache, es gibt wirklich

schlimmere Arbeiten. Heute war ich in die Maschine abgeschoben. Nachdem ich mich geweigert habe, noch eine Woche in die Maschine zu gehen, nachdem ich schon zwei statt einer Woche dort war, bin ja schließlich Deckkadett und nicht Maschinenkadett, hab ich heute unten beim Bunkern aufgepasst, dass muss eben auch noch ins TRB. Gleich eine gute Gelegenheit, mein Netzwerk in der Maschine auszudehnen, hab mich ganz nett mit ein paar Leuten unterhalten. Ich sag ja, Kampf.

Übrigens hatten wir heute in Guayaquil wieder den nichtsnutzigen Lotsen von letztem Mal. Ich dachte, ich spinne, als ich den die Gangway hab raufkrabbeln sehen. Ich musste so lachen, als der 2. entnervt fragte: „Is this the bullshit pilot?“ Der 2. war ja letztes Mal auf der Ankerstation und sollte, nachdem uns der Lotse schon fast auf Grund gesetzt und an die Pier gefahren hätte, den falschen Anker werfen, bis Paul den Lotsen rausgeschmissen und selber übernommen hatte. Oh Mann. Ist schon komisch, wenn man die Leute wiedererkennt. Hab jetzt auch einen „Freund“ bei den Stevedores in Buenaventura. Zum Glück kommen wir dort nicht wieder hin. Meistens reichen meine nicht vorhandenen Spanischkenntnisse, um mir die netten Unterhaltungen mit den Hafenarbeitern vom Leib zu halten, aber John konnte dummerweise ein bisschen Englisch. Meine Telefonnummer hat er trotzdem nicht gekriegt:). Ja, das sind also jetzt die ersten „letzten Male“. Letztes Mal Kolumbien, letztes Mal Ecuador, übermorgen letzes Mal Peru.

So, das war der Stand der Dinge. Wie es jemand so schön gesagt hatte: „Jetzt ist ein anderer Kapitän da, jetzt weht ein anderer Wind.“ Um mit Pauls Worten zu antworten: „Der soll Tabletten gegen seine Blähungen nehmen.“


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