Donnerstag, 15. Dezember 2011

Paradiestal

Endlich erlebte ich die Ansteuerung auf Valparaíso mit! Bei der letzten Reise war ich ja zu dem Zeitpunkt in der Maschine. Wir hatten eine traumhaft klare Nacht, und das Kreuz des Südens sowie Alpha und Beta Centauri standen genau über der Hafeneinfahrt und haben uns den Weg gewiesen. Valparaíso glitzerte wie voller Weihnachtsbeleuchtung, noch schöner als die Skyline Hongkongs, und das will was heißen.

Nach einer Nachtwache und anschließender Ansteuerung auf Valparaíso hatte ich schon 6h Arbeit am Sonntag hinter mir und wäre theoretisch dann tagsüber Hafenwache gegangen und nachts wieder beim Raussteuern. Irgendwann muss aber der Mensch mal schlafen, da hab ich Chiefmate und Kpt gefragt, was denn meine Arbeitszeiten sind und ich habe – oh Wunder – den Tag frei gekriegt! Auch wenn sich beim Abendessen alle gewundert haben, was ich denn an Land will: Ich würde doch wohl kaum zu Maria gehen. Da hab ich im Spaß gesagt, vielleicht geh ich zu Mario, und der Knaller ist: Ich bin tatsächlich mit Mario losgezogen!

Wäre am Liebsten schon morgens los, musste aber erst mal eine Mütze Schlaf kriegen. Bin dann gegen 11 im Schiffsbüro aufgeschlagen, um meinen Landgangspass abzuholen, und da saß ebendieser Mario und hat mir angeboten, mich mit in die Stadt zu nehmen. Er hatte Ersatzteile für die Werkstatt gebracht und war quasi auf dem Nachhauseweg. Das hat sich super angeboten, da musste ich nicht laufen. In Valparaíso war sonntags alles zu, also sind wir in die Nachbarstadt Viña del Mar gefahren, wo Marios Frau in einer Shopping Mall arbeitet. Mario hat einen kleinen Umweg über die Hügel Valparaísos genommen, was für eine herrliche Stadt! Alles bunte Häuser, unzählige Wandgemälde überall – ich glaube, in Deutschland würde all dies den Sprayern zum Opfer fallen.

Sind noch ein bisschen auf Chiles Dichterspuren gewandert, außerdem hat mir Mario viel über die deutsche Geschichte Chiles erzählt. Er selber hat in Deutschland studiert und spricht perfekt deutsch. Ich hab ein bisschen gebraucht, mich daran zu gewöhnen, viel zu oft habe ich ihn aus Gewohnheit auf englisch angesprochen!

In der Mall erstmal ordentlich einkaufen. Es gab einen Kunsthandwerkermarkt, wo auch Marios Frau einen Stand hatte. Sie verkaufte Ohrringe aus Glas, echt hübsch, hab gleich welche eingesackt. Auch wenn für mich der Sommer bald vorüber ist, ein Kleid musste außerdem her, ich hab den ganzen Männerkram gründlich satt! Die Crew hat Augen gemacht, als ich mit Kleid und Ohrringen an der Gangway aufgeschlagen bin, hihi! Internet war auch vorhanden, leider hat mich mein Akku bald im Stich gelassen. Der mitgebrachte Weltstecker (Giovanni schon lange auf Baustelle…) hat nicht funktioniert und so musste ich notgedrungen meine restliche Zeit am Strand verbringen. Es war herrlich! Tausende Leute, Familien mit Kindern, überall Picknicks und Toben im Wasser. An der Promenade Stände mit typischem Strandkram: Sonnenbrillen, Hüte, Eiskrem. Wie gerne hätte ich ein paar mehr Pesos gehabt, dann wären noch viele Souvenirs in meine Tasche gewandert. Ich wusste aber nicht, was der Bus zurück kostet, also sparen. Dann wurde es auch höchste Zeit für den Rückweg. Hab im Supermarkt noch ein paar deutsche Spezialitäten für den Chiefmate (der Geist der Weihnacht, ich entdecke mein gutes Herz) und eine Flasche Pisco als Souvenir (auweia, auf den Pisco-Sour-Abend zu Hause bin ich gespannt) gekauft. Um 18 Uhr war Landgang vorbei, ich habe es gerade 5 oder 10 min vorher zurück geschafft. Puh!

Nachts Leinen los und ab nach San Vicente, das wir auf der ersten Reise aufgrund unserer Verspätung ausfallen lassen mussten. Dort sind wir nur einen Tag geblieben, an Land habe ich es nicht geschafft. Es ging alles so schnell, man konnte sich gar nicht richtig von Chile und überhaupt von Land verabschieden, 9 Tage Seereise nach Manzanillo liegen vor uns.

Zum Sozialgefüge an Bord: So langsam rüttelt sich alles zurecht. Ich arbeite zur Zeit den halben Tag an Deck und mache Instandhaltung von diversen Sachen, da kommt immer der Kpt auf seiner Decksrunde zum Schnacken vorbei. Nachdem er mich auf den Ansteuerungen von Valpo und San Vicente schon immer zugetextet hat und ich ja quasi schmerzfrei bin, was Seemannshumor angeht, scheint er mich als Gesprächspartner zu schätzen. Reden über alle möglichen Seefahrerdinge. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn sympathisch finde, aber auf jeden Fall kommen wir aus, das ist doch schonmal viel wert.

Habe heute von der Reederei erfahren, dass die Ablösung in Vancouver doch klappt, nachdem die zunächst gemeint hatten, ich müsste bei einer „Wunschablösung“ den Flug anteilig zahlen und so Scherze. Also nur noch 8 Wochen! Juhu! Darf leider nur 48h in Kanada bleiben, also mit Urlaub wird nix groß. Aber den einen Tag gönne ich mir, wann komme ich schon sonst mal wieder dorthin! Jetzt bin ich noch gespannt, wie mein Sommer genau wird, ich versuche, die Reise mit Paul zu verschieben, um für Costa eine Überführung von Südfrankreich nach Mallorca zu machen. Drückt mir die Daumen!

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