Dienstag, 30. August 2011

Familiarization

Um 6 Uhr geht’s auf die Brücke, weil ich eigentlich beim Chief Mate
(1.Offizier/Maat, zuständig für Ladung und in meinem Fall für meine
Ausbildung, kommt aus der Nähe von Chemnitz!!)) mitlaufen soll, und der
Chief Mate geht die 4-8 Wache. Da wir vor Anker liegen, ist nichts weiter
zu tun. Nach dem Frühstück zeigt er mir nochmal ganz intensiv das Schiff.
Er gibt sich wahnsinnig viel Mühe, ich schätze mich sehr glücklich. Von
anderen hab ich gehört, dass sie sich vieles erkämpfen mussten, weil
keiner Lust hatte, sich zusätzlich zu seinen umfangreichen Aufgaben auch
noch mit so einem Kadetten abzugeben.
Ich glaube, ich krabbele 60 Stockwerke rauf und runter an diesem Tag, wir
kriechen in alle möglichen Löcher und besteigen alle Türme, die dieses
Schiff zu bieten hat. In den meisten Luken führen Leitern nach unten/oben,
und spätestens beim 6. Stock am Stück fallen einem die  Arme ab, von
Oberschenkeln gar nicht zu reden. Aber alles wahnsinnig spannend, so
langsam gewinne ich einen Überblick. Und fit werde ich schon noch, hab ja
noch viiiel Zeit.
Um 10 ist Teepause, eine feine Sache. Die Teegesellschaft auf dem Balkon,
und zwar alle gemischt, nicht wie in den getrennten Messen. So lange das
Wetter schön ist, sitzt die gesamte Besatzung (wer Zeit hat) draußen, im
1. Stock wird ausgeschrieben, auf welcher Seite (backbord oder steuerbord)
heute Teepause ist. Das Ganze findet auch noch einmal nachmittags statt,
aber ich hab die Essens- und Teezeiten noch nicht so ganz raus.
Um 10.30 Uhr startet die Sicherheitseinweisung für die Neuen an Bord, also
Malte und mich. Der 2. Offizier, ein Pole, ist zuständig für die
Sicherheit und zeigt uns alle Sicherheitseinrichtungen und teilt uns in
Notfallaufgaben ein. Zu viel, um sich alles zu merken, aber ich hab im
Poopdeck lauter Pläne vom Schiff gesehen, u.a. einen mit allen
Sicherheitseinrichtungen, den führe ich mir in einer ruhigen Stunde mal zu
Gemüte. Wenn vom Hafen Prüfer an Bord kommen, muss jeder wissen, wo was zu
finden ist und welche Aufgaben er hat, sonst darf im schlimmsten Fall das
Schiff nicht auslaufen. Monatlich stehen Sicherheitsdrills an, da wird
alles für den Ernstfall geprobt. Hier kann man eben nicht einfach flüchten
oder die Feuerwehr rufen, wenn was passiert, man muss alles selbst lösen
können.
Nachmittags bekomme ich meinen ersten „Job“, ich kontrolliere ab jetzt
morgens und nachmittags die Temperaturen der Kühlcontainer, von denen wir
im Moment 13 Stück geladen haben. Bei den Oberen kann man kaum die Anzeige
erkennen, ich klettere dann immer irgendwo rauf. Dann in den Computer
eintippen und fertig.
Planänderung: Ich laufe ab jetzt die 8-12 Wache mit dem 3. Offizier
(Navigation, juhu!). Um 20 Uhr beginnen wir die Wache. Er ist aus Rumänien
und heißt Marin, beide Söhne fahren zur See, der eine ist momentan auch
Kadett. Bis auf Kapitän und Chief Mate duzen wir uns alle, insgesamt
wirklich ein sehr angenehmer Umgang. Keine dummen Sprüche von wegen Frau
oder so, aber ich geb mir auch viel Mühe, umgänglich zu sein. Wenn ich
höre, wie sich manche Praktikanten angestellt haben – meine Güte. Ich komm
doch nicht mit Kaffee und Kippe auf die Brücke und setz mich in den
Kapitänsstuhl! Zugegeben, woher soll man das wissen, aber ich denke,
besser erstmal zurückhalten und erst hinsetzen und sprechen, wenn man
aufgefordert wird, dann macht man wenigstens nix verkehrt oder fällt
negativ auf.
Marin hat ein paar Berichte zu schreiben und im Moment nicht viel  Zeit,
mir was zu erklären, also zeigt er mir einen Peildiopter (ein Aufsatz für
den Kompass zum Peilen) und ich suche mir Lichter draußen, die ich auf der
Seekarte wiederfinde und übe peilen. Hier ist so ein Lichtermeer, es ist
schwierig, spezifische Lichter auszumachen. Wir geben noch ein paar
Wegpunkte in das elektronische Kartensystem und GPS ein, daraus entsteht
dann eine Route über den Teich. Da im Moment zwei Taifune vor Japan und
China stehen, müssen wir mehrere Routen vorbereiten. Es wird sich erst in
letzter Minute entscheiden, welche wir nehmen können. Erstmal schauen, wie
lange die Wartung der Turbolader dauert. Nachts legt ein Boot an, von dem
Techniker an Bord kommen und schon den ersten fertigen an Bord bringen.
Die riesige Kiste wird mit einem kleinen Lastkran an Bord gehievt, eine
willkommene Unterbrechung unserer Wache.

1 Kommentar:

  1. Ossis vor! Herrlisch son bissl Heimatgefühl is doch was feines, ritsch so!

    Klingt alles wahnsinnig spannend, echt toll! :) :)

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