Samstag, 7. Januar 2012

Eiszeit

Es ist soweit. Ich habe immer gehofft, dass dieser Tag niemals kommen würde, doch heute muss ich tatsächlich schwere Geschütze auffahren. Beim morgendlichen Kühlcontainer-Ablesen kommt die Skimaske zum Einsatz! Nur Schal und Mütze reichen nicht mehr, neeeeeiiiiiin! Es ist arschkalt. Nach den Aleuten und Kurilen grüßen jetzt die schneebedeckten Berge Japans. Kontinentaler Winter ist halt doch anders als auf See, wo das wärmere Wasser wie ein Wärmespeicher funktioniert. Ich habe alles an, was geht. Zwei Paar Handschuhe, Mütze und Skimaske, die nur die Augen freilässt, vervollständigen das Tropen-Nachtrauer-Outfit. Ich muss an mich halten, um nicht von Kammer zu Kammer zu gehen und „Dies ist ein Überfall!“ zu rufen.

Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Angeblich soll es in Hongkong wärmer werden. Immerhin sind die Schneestürme vorbei. Also da kamen tatsächlich Zeiten, wo ich die Faxen dicke hatte. Ich wollte endlich mal nicht mehr in der stabilen Seitenlage schlafen! Das heißt - wenn man schlafen konnte und nicht das Dröhnen der einsteigenden Wellen einen alle halbe Stunde aufwachte. Als uns der erste Sturm erwischt hatte, hat wie immer keiner damit gerechnet (wie am Frankfurter Flughafen keiner damit rechnet, dass Winter kommt). Als ich nach der Wache auf Kammer kam, bot sich mir ein Bild der Verwüstung: Mein Stuhl, den ich natürlich nicht angebunden hatte, lag samt Klamotten auf meinem Bett. Meine Stereoanlage, die ich für besseren Sound auf die Wasserkiste gestellt hatte – ihr ahnt es – ging auf die Reise, die sie wundersamerweise unbeschadet überstanden hat. Habe sie direkt so liegen gelassen, auch wenn ich immer drüberkraxeln musste. Aber es hatte sich alles so schön zurecht gerüttelt, und in der nächsten Minute wäre eh alles wieder durch die Gegend geflogen. Eigentlich peinlich für einen Yachtie. Segelschiffe bewegen sich viel mehr,

deshalb ist da auch immer alles gut gestaut. Wenn nicht, fliegen die Gegenstände eben so lange, bis sie ein Eckchen gefunden haben, in das sie sich klemmen können. Wir nennen das immer Das-Schiff-räumt-sich-selber-auf.

Die Wettervorhersage für die nächsten Tage ist gut soweit. Der asiatische Hafenmarathon steht wieder mal auf dem Programm. Da hier alle Häfen so wahnsinnig effizient sind, wird es wohl kaum Landgangschancen geben. In Pusan z.B. sollen wir am Montag Morgen ankommen und abends schon wieder auslaufen. Da lob ich mir Südamerika. Die trödeln, was das Zeug hält, da konnte man immer mal schnell an Land springen. Na wie auch immer. Wenn alles gut geht, bin ich in 3 Wochen von Bord. Es sei denn, der Reederei ist das zu zeitig und ich geh statt in Vancouver erst beim nächsten Mal Asien, am 22.2. Aber ganz ehrlich: Eine weitere Ozeanüberquerung im Winter reicht. Wenn ich heimkomme, wird schon Fruehling! Naja, bald. Vielleicht. Oder so.



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